Die Datenflüsterer von Zürich:
Wie ein Physiker und ein Logistiker eine Branche neu denken
Von LKW-Werkstätten und Speditionen bis hin zu Physik und digitaler Logistik: Bernhard Elkuch und Lenny (Leonard) Göltl kommen aus unterschiedlichen Welten, sind aber zu derselben Erkenntnis gelangt: Logistik ist auf Standortdaten angewiesen, die sich noch immer erstaunlich schwer verwalten lassen.

Zwei Gründer entdecken ein Problem, das in der Logistik jahrzehntelang niemand wirklich beachtet hat. «Je länger ich in der Logistik bin, desto weniger macht es für mich Sinn, dass überhaupt jemals irgendetwas ankommt.» Als Lenny Göltl diesen Satz sagt, muss er selbst lachen.
Wer die Logistik von aussen betrachtet, sieht Lastwagen, Schiffe und Container. Von innen sind es vor allem Menschen, die sie am Laufen halten: Fahrer, Disponenten oder Verlader treffen jeden Tag tausende Entscheidungen.
Bernhard Elkuch beschreibt die Logistik als «die Hauptschlagader der Weltwirtschaft». Er stammt aus einer Liechtensteiner Speditionsfamilie. «Seit ich denken kann, stehen Lastwagen vor unserer Haustür.» Er lernte LKW-Mechaniker, wurde Speditionskaufmann und entwickelte später Transportmanagementsysteme.
Lenny führte sein Weg von der Wissenschaft zu Kühne + Nagel und später zu Flexport. Dort beschäftigte er sich mit Echtzeitdaten und digitalen Warenströmen. Er sagt: «Zum einen ist Logistik konkret, und zum anderen ist das Ganze noch komplizierter als Physik.»
Die Erkenntnis der beiden: Die Logistik funktioniert erstaunlich gut. Aber nicht wegen der Systeme, sondern trotz ihnen.
«Die Stammdaten diktieren am Ende, wie gut alles funktioniert», sagt Lenny.
Das wirkliche Betriebssystem
Wer einen Transport organisiert, verschickt selten nur eine Adresse. Da gibt es Zufahrten, Tor-Nummern, Zeitfenster, Ansprechpartner oder Sicherheitsvorschriften.
«Nur die Fahrer wissen das», sagt Bernhard. «Und bald geht eine ganze Generation Chauffeure in Rente.»
Die beiden stellen sich eine einfache Frage: Wo ist dieses Wissen eigentlich gespeichert? Die Antwort? In einer Excel-Liste. In einer E-Mail. Im Kopf eines Disponenten. Oder gar nicht.
«Bis jetzt hat es ja auch funktioniert – warum sollte ich etwas ändern?» Diesen Satz hört Bernhard bis heute regelmässig. Aber die Logistik verändert sich gerade. Unternehmen investieren in Tourenplanung oder Echtzeitinformationen.
Dafür braucht es valide Daten.
Das übersehene Problem
Als sich Lenny und Bernhard kennenlernten, gab es keinen Businessplan.
Bernhard sagt: «Wir haben uns ein bisschen beschnuppert und merkten: Die Chemie passt.»
Was sie verband, war eine Beobachtung. Fast alle Software beschäftigt sich mit dem Transport. Aber kaum jemand beschäftigt sich mit dem Ort, an dem der Transport beginnt oder endet. «Wir bauen den digitalen Zwilling eines Standorts», sagt Bernhard.
«Ohne die zugrunde liegenden Daten nützt die beste Software nichts.»
Bernhard Elkuch
Immer wenn neue Informationen in bestehende Systeme gelangen, entstehen neue Schreibweisen, neue Adressen und neue Dubletten. Die Systeme übernehmen all die Ungenauigkeiten. «Wir lösen ein ganz spezifisches Problem, das irgendwie noch keiner auf dem Schirm hat», sagt Bernhard.
Aus dieser Überlegung entstand Match & Clean. Das Programm erkennt denselben Standort hinter unterschiedlichen Schreibweisen - etwas, was Menschen sofort verstehen, viele Systeme aber nicht.
«In der Logistik merkst du: Wenn die Adresse nichts ist, dann fällst du auf die Nase», sagt Bernhard. Für ihn ist das trotzdem nur der Anfang.
Die gemeinsame Plattform
Match & Clean löste eine Frage. Gleichzeitig entstand eine neue. Wenn klar ist, welcher Standort gemeint ist – wer kümmert sich um all das Wissen darüber? Wer hält die Öffnungszeiten aktuell? Und wer entscheidet, welche Informationen geteilt werden dürfen?
So entstand die Idee einer Plattform.
Nicht für Adressen, sondern für geteiltes Standortwissen. Lenny findet, die gemeinsame Datenpflege werde in der Logistik vernachlässigt: «Jeder will auf den Rasen, keiner will ihn mähen.»
Mit Siemens Energy gewann LogBook früh seinen ersten grossen Industriekunden. LogBook sollte den Verladern helfen, ihre Standorte sauber zu verwalten und den Speditionen bessere Informationen mitzugeben. Doch schon bald merkten sie, dass viele Verlader das Problem gar nicht als ihr eigenes betrachteten.
«Es sind die Menschen, die weiterhin miteinander reden und dafür sorgen, dass es funktioniert.»
Lenny Göltl
«Das ist ein nettes System, aber der Spediteur findet das schon selber. Ich zahle ihn ja dafür.», hörte Lenny immer wieder.
Bernhard machte dieselbe Erfahrung. Viele Grossunternehmen verwiesen schlicht auf ihren Logistikdienstleister. «Der weiss über alles Bescheid.» Für die meisten Verlader gehörten Standortdaten nicht zum Kerngeschäft. Hauptsache, die Ware verlässt das Werk.
Für die Gründer war das der Wendepunkt. Sie begriffen: Nicht die Verlader leben mit den schlechten Daten, sondern Speditionen, Disponenten und Fahrer.
LogBook richtete seine Plattform deshalb konsequent auf Logistikdienstleister aus.
Hin zu den Speditionen
Heute arbeiten Logistikdienstleister wie Finsterwalder oder Nox mit LogBook. Match & Clean, Dokumenten-Parsing und die Plattform für Standortwissen gehören inzwischen zum Alltag dieser Unternehmen.
Für Bernhard ist das nur der erste Schritt. «Es geht am Ende um Daten. Ohne die zugrunde liegenden Daten nützt die beste Software nichts.»
Für Lenny funktioniert die Logistik bis heute vor allem wegen ihrer Menschen: «Es sind die Menschen, die weiterhin miteinander reden und dafür sorgen, dass es funktioniert.» LogBook macht dieses Wissen erstmals systematisch sichtbar.
Die Datenflüsterer bringen ans Licht, was die Branche jahrzehntelang im Kopf ihrer Fahrer und Disponenten gespeichert hat.
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